Erinnerung

 

Eine alte Erinnerung ist wie Wein, der vom Zeitpunkt, der Entstehung bis zum individuellen Lebensalter immer mehr an Wert gewinnt und bald so kostbar ist, dass man sich nicht mehr traut ihn zu trinken. Erinnerungen besitzen eine unsichtbare Macht, die es ermöglicht längst verschollene Freunde im Bruchteil einer Sekunde wieder zusammenzuführen, gebrochene Herzen den Traum des Ganzen zu erleben und die Sehnsucht nach Freude mit einem Gedankenschlag zu erfüllen. Ich erinnere mich gerne und oft und versuche so Erinnerungen tief in mir zu bewahren.  Anders wie ein alter Mann erzähle ich nur nicht so oft darüber.

Es war einmal (das musste ich jetzt schreiben) ein Tag an dem ein Held geboren wurde, doch wollte ich keiner sein. Schließlich rettete ich keine Menschen oder Willi den Hund vom Nachbarn, sondern lediglich meinen brandneuen Teppich.
Doch ist nicht immer das Ziel, sondern auch der Weg entscheidend. Es war ein paar Tage nach Sylvester und so wie es sich für einen ordentlichen Tag nach Sylvester gehört (mit 15 Jahren), hatten wir noch jede Menge Extra dicke polnische Chinaböller übrig. Ihr wisst schon welche ich meine, mit denen Papa damals die zugefroren Autotür aufgesprengt hat und dabei fast ein Cabrio aus seinem Auto gemacht hat. Und so wie es außerdem sich für einen ordentlichen Tag nach Sylvester gehört, knallten wir immer noch diese Böller. Und wenn ich von uns rede meine ich natürlich Thomas und mich. Da wir sonst nichts weiter in der Birne hatten, stand mein Fenster speerangelweit bei minus zehn Grad offen und Thomas schmiss freudig Böller aus dem Fenster. Um die Tarnung dabei halbwegs aufrecht zu erhalten, hatten wir mein Außenrollo zur Hälfte runtergelassen. So schaute ich ihm dabei freudig zu und zählte die Sekunden, bis das Pfeifen in meinen Ohren aufhörte. Die Zeit verging so allmählich und Thomas kam auf die Idee auch mal vom Zentrum meines Raumes aus zu werfen. Eigentlich ne ganze gute Idee, wenn die Fensteröffnung nicht durch mein Rollo eingeschränkt wäre und wenn ein anderer als Thomas werfen würde. Mit anderen Worten es war doch eine Scheißidee. Ich stand zu diesem Zeitraum in meiner Zimmertür, er wie bereits erwähnt in der Mitte des Zimmers. Natürlich sagte ich ihm sofort, dass diese Idee vielleicht nicht unbedingt die Beste wäre. Worauf er mich nur grinsend (diese Bösewicht Trickfilmgrinsen) mit einem bereits angezündeten Böller anschaute. Er schmiss, der Böller flog, er flog in Richtung Fenster und traf (natürlich) das Rollo und fiel auf meinen brandneuen Ultraverschärften leider etwas zu kurz aber nicht meine Schuld ausgemessenen Teppich. Innerhalb vom Bruchteilen einer Sekunde rauschte das Leben meines Teppichs auf einmal an mir vorbei. Ich sah ihn als Faden in irgendeiner Fabrik, wie in Minuten feinster Arbeit er zum Teppich heranwuchs und sich dann schließlich entschied unter meinen Füßen zu leben. „Thomas heb ihn auf, rief ihm zu  und ohne eine Antwort abzuwarten (genauso gut hätte ich einer Giraffe sagen können, sie soll einen Kopfstand machen), rannte ich zum Böller. Thomas, der wie eine gefahrwitternde Gazelle davon sprang und zur Tür rannte, stieß mit mir zusammen. Doch genau wie ein Football-Spieler, der den Touchdown im Visier hat, rammte ich mich an ihm vorbei. Hob den Böller hoch, holte aus (hätte ich vielleicht nicht machen sollen) und schmiss. Einen halben Meter vor meiner Nase und genau über dem Fensterbrett, gab es eine gewaltige Explosion und der Dreck versprühte seine Leidenschaft in jede Richtung. Doch das wichtigste mein Teppich war gerettet und meine Gliedmaßen noch alle bei mir. Seitdem hatte ich das Gefühl, dass es sich noch besser auf Teppich lief und wenn er Willi ihn nicht angepullert hat, dann wandert meine Mama noch heute auf ihm.
 
Helden werden nicht geboren. Helden entstehen nicht mit der Zeit, sondern entspringen der Asche des Lebens mitten in der Zeit. Man kann es sich auch nicht aussuchen, man wird ausgesucht......grins..............