Träume sind Wünsche, die Tief in jedem von uns verborgen sind. Sie verkörpern unsere Sehnsüchte, unsere Glückseligkeit, im Grunde das was das Leben zum Leben macht. Oft scheinen sie zum Greifen nah und sind dann doch unendlich fern. Deswegen jagt der Mensch ihnen meistens vergeblich hinterher, bis er die Kraft, den Mut und den Willen verliert. Dann träumen sie lieber nur. Ich dagegen versuche sie stets zu verwirklichen, ich gebe nicht auf. Denn wenn es sich zu kämpfen lohnt, dann doch gerade für einen Traum. Ich möchte nicht am Ende meines Weges stehen und erwachen um zu sehen, dass mein Leben träumend vorüber ging.
Ich studiere an Fachhochschule in Wismar, eher unfreiwillig als freiwillig. Natürlich wurde ich jetzt nicht dazu gezwungen, aber eine Menge Faktoren, die ich nicht beeinflussen konnte, waren dafür ausschlaggebend. Doch genau da liegt auch das Mysterium vergraben. Viele Dinge die mein Leben formten, die aus mir mich machten, sind seitdem passiert. Und es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu denken, vielleicht sollte es so sein. Vielleicht war das der Weg, den Gott, mein Herz (ohne es zu wissen), das Schicksal oder vielleicht alle drei zusammen für mich ausgesucht haben. Schon bevor mein Verstand mich küssend weckte.
Erst wenn mein Verstand mir einen Gute-Nacht Kuss gibt, werde ich es wohl wissen. Bis dahin bleibt mir nur Glaube.
Da solch ein Studium nicht nur mit Luft und lernen verbunden ist, arbeitete ich nebenbei auf der Werft. Ich hätte natürlich behauptet, um mich über Wasser zu halten, meine Freunde meinten eher, um mir ein Boot zu leisten. Auf jeden Fall arbeitete ich gerne und so oft wie es ging, auch wenn das keine schöne Arbeit war. Doch Arbeit muss auch nicht immer schön sein, meist sind es doch die Dinge darum, die einen Menschen dazu bringen zu arbeiten. Das Gefühl etwas getan zu haben, das Gefühl am Leben zu sein, wenn jeder Muskel irgendwie schmerzt, das Gefühl den wahren Sinn des Wasser zuerkennen, wenn der Dreck beim Duschen in Richtung Abfluss fließt. Natürlich auch das Gefühl, dass mein Konto nach jedem Arbeitstag um 60 Euro reicher ist. Neben körperlichen so genannter männlicher Arbeit wie z.B. Sektionsreinigung (in engen Schächten mit Handfeger und Schaufel bewaffnet und über tausend Gerüste 20 bis 30 kg Eimer schleppend), gab es auch so genannte Frauenarbeit. Diese Arbeit wurde aber auch von uns Männer erledigt, da selten weibliche Studentinnen bei mir arbeiteten. Dennoch gab es Zeiten wo einige graziöses Geschöpfe, irgendjemand nannte sie mal Frauen, zu uns stießen. Eine dieser Frauenarbeiten war ganz normales stundenlanges Fegen. Und genau dabei trat sie zum ersten Mal in mein Leben. Vielleicht kam es für mich zu überraschend, vielleicht war mein Herz gerade auf Wanderschaft, denn nur mein Verstand sah sie. Und genau er war es, den sie von Anfang an in ihren Bann zog. Er war fasziniert von ihr, von ihrer liebevollen Art, von ihrem Humor, von ihrer Intelligenz, von ihrem Umgang mit Menschen, von ihren wunderschönen Augen einfach von allem. Es war ihr reines Wesen welches mein Verstand betäubte und in Ketten legte. Er wehrte sich nicht einmal. Er wusste wohl, dass er keine Chance gehabt hätte. So rein, so glücklich und dennoch waren ihre Augen erfüllt von einer tiefen Traurigkeit und Demut. Pure Energie strahlte ihre Seele aus, blendete alles Schlechte. Doch mein Herz stand still, ließ sie an sich vorüberziehen, fühlte nichts, war mit sich selbst beschäftigt. Zum ersten Mal schrie der Verstand das Herz an. Es ist doch sonst nur umgekehrt. Aber es rührte sich nicht. Es kniff die Augen zu und wendete seinen Blick in Richtung Vergangenheit. Mein Verstand wollte aber nicht aufgeben und wie die Erde um die Sonne, schwirrten sie und ich bald umeinander. Aus zufälligen Blicken wurde sehnsüchtiges Augenschreien, aus zufälligem Aufeinandertreffen wurde geplantes Herannahen und aus kleinen Gesprächen wurden lange Unterhaltungen. Bis wir endlich mal für uns ganz alleine waren. Ihre wunderschönen Augen, ihr sinnlicher Mund, ihre bezaubernde Art mein Verstand lauschte ihrer Stimme und konzentrierte sich, dennoch fiel es ihm schwer zuzuhören. Regungslos lag er in einer Ecke meines Kopfes und glich eine Drogensüchtigen, der gerade unter Drogen stand. Genau das war sie auch für ihn. Alles an ihr, war wie eine Droge, von der man nicht lässt und schon gar nicht genug bekommt. Wie lange kannte er sie, fragte er sich. Ein paar Minuten, ein paar Stunden hätte ihm die Vernunft gesagt, mein ganzes Leben hätte er geantwortet. Diese Vertrautheit zwischen uns nach so kurzer Zeit. Nie zuvor fühlte er sich jemanden in so kurzer Zeit so nahe. Kennt ihr dieses Gefühl? Man glaubt zu wissen dort draußen gibt es jemanden, der nur für dich geschaffen wurde, sei es als Freund oder als Liebe, aber man weiß nie ist es jetzt dieser Mensch oder ist er es nicht. Mein Verstand dagegen wusste es, spürte es in jeder einzelnen Pore. Alle Zelle meines Körpers atmete tief durch. Es war überwältigen und mein Herz, es horchte plötzlich auf.
Wir redete über uns ihr Leben mein Leben. Die Probleme, die sie hatte mit ihrem Freund. Ihre Wünsche ihre Ängste. Ich lauschte nicht nur ihrer Stimme, sondern auch die Sprache ihres Herzen. Mein Verstand kannte sie in ein paar Stunden besser als andere sie nach Jahren. Nicht nur weil er ihr innerste (er)hörte, sondern weil er/ich sich/mich in ihr erkannte. Ihre Sehnsüchte spiegelten sich in meinen Träumen wieder, ihr Wunsch nach Liebe schlummerte schon eine halbe Ewigkeit in mir. Es war zu perfekt, vielleicht machte das meinem Herz angst. Denn es vergrub sich und traute seinen Augen nicht. Bestimmt dachte ich schon bei vielen Frauen so, flüsterte es leise. Die Vernunft unterstützte es und schrie: „Halt, das kann nicht sein, außerdem hat sie einen Freund. Lass sie los, befahl die Vernunft dem Verstand. Denk erst gar nicht an sie“, riet es dann zuletzt dem Herz.
Es kam, wie es komme musste unsere Wege trennten sich nach einer Woche zusammen arbeiten wieder. Zwar arbeiteten wir noch ab und zu miteinander, doch wurde es nicht mehr so intensiv, da ich meist woanders beschäftigt war und wir in den Pausen nicht allein waren. Doch in dieser einen Woche erfuhr ich soviel von ihr, was ich bewunderte und seitdem vermisste. Immer unter den strengen Augen der Vernunft. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, ich lernte noch was über mich. Als sie ging, nahm sie irgendetwas von mir mit, welches von nun an schmerzte, da es fehlte. Zum Glück hatte ich ihre Handynummer. Ein kleiner Trost, der mir dabei half entstandene Sehnsüchte zu ertragen. Natürlich schrieb ich ihr auch, doch ihre Antworten waren stets kühl, klärend und verabschiedend. Alles nur nicht was mein Verstand und auch ein wenig mein Herz erhofften. Zusätzlich noch der Gedanke an ihren Freund gab der Vernunft das Gefühl im Recht zu sein. Es vergingen 5 Wochen in denen wir uns aufgrund mangelnder Arbeit nicht mehr sahen. Mein Herz vergaß diese Frau. Viel zu selten hatte es hingeschaut. Viel zu groß war seine Angst, es hörte lieber auf die Vernunft. Mein Verstand stimmte dem nur traurig zu, freute sich aber insgeheim sie wieder zu sehen. Dann kam die Zeit, wo mein Herz nicht mehr alleine sein wollte. Nun schaute es nach vorne nicht zurück, versprühte Feuer, wollte Leben für ein anderes Herz da sein. So tanzte es durchs Leben und wurde angesprochen. Sie war hübsch, intelligent, alleine, lachte gern, gefiel ihm und das Beste sie war an meinem Herz interessiert. Ich schenkte ihr meine Liebe und mein Herz war glücklich, so glaubte es zumindest, schließlich war es jetzt zu zweit. Ich dachte nicht mehr an sie. Bis ich sie wieder traf. Jetzt stand sie wieder da und bezauberte mich wieder mit ihrer wundervollen Art. Ihre Seele wärmte sich gleich an meiner und ihre wunderschönen Augen streichelten sie. Pures Glück durchströmte mich. Mein Verstand kauerte sich wieder in einer Ecke und meine Vernunft, wollte sich nichts eingestehen und schloss die Augen. „Sieh hin“, schrie der Verstand zu meinem Herzen. „Ich darf nicht“, antwortete es und schaute dennoch die ganze Zeit. Das Fundament meines Lächelns bröckelte, denn es wurde auf Traurigkeit errichtet.
Sofort nahm sie mich an ihre Hand. Ihr Herz musste mir unbedingt etwas sagen. Es erzählte und ich musste mich wieder konzentrieren, denn am liebsten hätte ich mich einfach in ihr Herz gelegt und mich mit ihrer Seele zugedeckt. Ihr Herz gestand meinem seine Liebe und klopfte an. Es verging kaum eine Sekunde, wo es nicht an mich dachte.
Sie öffnete die Tür zu ihrem Herzen und schrie: „Tritt ein ich brauche, ich möchte dich“. Ich sah das fehlende Stück von mir in ihr, doch griff nicht zu. Es war gebetet auf tausenden von Rosen, streng bewacht von ihren Gefühlen. Es war so Geborgen bei ihr. Doch was machte mein Herz. Es traute sich wieder nicht, dachte an das andere Herz. Es wollte es doch nicht verletzen. Es will doch auch nicht verletzt werden. „Na und“ brüllte mein Verstand und das Herz atmete tief durch. „Na und“ schrie auch jetzt mein sonst so leises Herz. Es kribbelte mein ganzer Körper, als sie dicht vor mir war. Doch meine Vernunft hielt mich mal wieder zurück. „Willst du wirklich das andere Herz traurig machen“. In dem Moment wäre am liebsten meine Seele dieser Dummheit entflohen. Glaubt mir ich hätte sie küssen und das was mein Herz sah auch mal schmecken sollen.
Traurig wandte ihr Herz sich ab. „Wir werden bestimmt gute Freunde“, beruhigte die Vernunft das Herz und den Verstand, die zusammen weinend in einer Ecke saßen. Mein Herz flüchtete sich in erzwungener Liebe zu dem anderen Herz. Es vermisste es regelrecht, aber nicht weil mein Herz es liebte, sondern weil mein Herz es lieben wollte. Es wollte sich beweisen, dass es keinen Fehler gemacht hatte. Es wollte sich beweisen, dass diese Frau genauso wundervoll sein kann. So schleppte es sich von Tag zu Tag, von Begegnung zu Begegnung, von Kuss zu Kuss. Doch wer einmal und sei es nur ganz kurz richtige Liebe probierte, möchte nichts anderes mehr. Der möchte mehr. Die Arbeit nahm wieder zu und ich freute mich nicht mehr auf das Gefühl etwas geschafft zu haben oder auf das Geld, welches ich verdiente. Ich freute mich nur noch auf sie. Der erste Gedanke den ich hatte wenn mein Chef anrief war ob sie auch da ist. Oder ich riet gleich meinen Chef sie auch anzurufen. Alles in mir drängte zu ihr. Ich schlief in Gedanken bei ihr ein und wachte mit ihr morgens wieder auf. Selbst wenn neben meinem Herz ein anderes lag. Ich fand die Liebe und war nun süchtig nach ihr. Trennten sich unsere Wege auf Arbeit, hatte ich schon keine Lust mehr zuarbeiten. Die Energie verflog aus meinem Körper, denn mein Wille galt allein ihr. Ich wollte nur in ihrer Nähe sein, nur ihre Wärme spüren.
Mein Herz verschloss für das andere die Tür. Es wollte nur noch sie. Meine Vernunft bereute jede damalige Aktion. Sie weinte bitterlich und hasste ihren Stolz. Zum ersten Mal seit langem waren mein Herz, mein Verstand und meine Vernunft in tiefer Entschlossenheit vereint. Energie wurde in mir frei. Sie musste wissen, dass ich sie liebe, dass ich ihr meine Zukunft schenken will, dass ich geboren wurde um für sie da zu sein. Doch war sie jetzt nicht mehr allein, neben ihrem Herz schlug noch eins, ein ganz kleines.
Sie glaubte mich endgültig verloren zu haben. Dennoch träumte ihr Herz noch von mir und ihr Verstand wusste, so kann es nicht weiter gehen. Sie brauchte etwas um die Blicke ihres Herzen von mir abzuwenden. Sie brauchte etwas worüber es sich mehr freut, welches wieder Glück in ihrem Herzen treibt, denn von wo anders kam leider nichts. Sofort baute sich meine Vernunft wieder zu alter Stärke auf, auch wenn sie dabei nichts als Traurigkeit empfand. „Wir haben nichts verloren eher noch mehr gewonnen“, heuchelte meine Vernunft mir etwas vor. Doch waren das nur Worte, um dem Schmerz zu verstecken den ich empfand. Aus Blindheit wurde erkennen aus erkennen wurde Hoffnung aus Hoffnung Schmerz dann zu Wut und letzten Endes Hass. Hass darüber, dass ich diese wunderbare Frau, die mein Leben im noch richtigen Moment streifte einfach übersehen habe. Hass darüber dass ich zu stark mit mir beschäftigt war. Hass darüber dass das Leben, das Schicksal, Gott mir eine zweite Chance bot, als sie wieder vor mir stand und ich nicht genug Mut aufbrachte sie zu nutzen.
Mein Körper war nur noch eine Hülle für mich. Mein Verstand, die Vernunft, das Herz, die zuvor noch mit einer unglaublichen Kraft harmonierten, sprachen nicht mehr miteinander. Nichts ergab mehr einen Sinn. Die Welt die einst so schön rotierte, verharrte plötzlich in Starrheit. „Wie kann das sein?“, wimmerte und rumorte es in mir. Ich wusste keine Antwort. Und als ich glaubte, ich sei am Ende, war es die Vernunft, die mich aus meinem Kälteschlaf riss, kurz bevor ich erfrierte. Gerade die Vernunft, die immer anderer Meinung war, stand nun auf. „Ich mache nicht noch mal den selben Fehler“, sprach sie. „Das ist die Frau meines Lebens. Sie liebt mich. Wieso gibst du auf?“ „Aber sie ist Schwanger“, flüsterte der Verstand. „Liebe ich jemanden aufgrund seines Geldes, seiner Eltern, seiner Freunde, seiner Kinder? Nein, ich liebe sie weil sie sie ist. Sie bleibt sie selbst bei einer Schwangerschaft. Und selbst wenn das Kind nicht von mir ist, so ist es doch von ihr. Wie kann ich sie Lieben und dann gleichzeitig behaupten einen Teil von ihr nicht.“ Mein Herz pochte wie verrückt und schämte sich. Mein Verstand erwachte zu neuer Fröhlichkeit, doch die Angst hielt ihn einen Moment zurück. „Nein diesmal nicht“, schrie er sich selber an und das Herz und die Vernunft stimmten mit ein. „Wenn ich sie sehe, sehe nicht nur eine wunderschöne liebvolle Frau ich sehe uns und unsere Zukunft“. „Zu oft hatten wir Angst. Zu oft liefen wir einen falschen Weg aus Angst ihn zu verlassen“, sangen sie. Das Leben darf nicht auf Angst basieren. Einmal und sei es wirklich nur ein Einziges Mal im Leben muss man was riskieren, denn ich weiß ganz genau es wird sich lohnen. Tiefe Wunden werden Narben….. im Herzen jedoch bleiben sie stets frisch